Die Glocken von St. Bernward

Glocken: KulturgutGlockenturm

Als die Kirche am 8. November 1953 geweiht wurde fehlte ihr noch die Stimme, die Glocken. Der Bau des frei neben dem Gotteshaus stehenden Glockenturms begann erst am 23. September 1959 und konnte am 13. Dezember 1959 abgeschlossen werden. Die Anschaffung der Glocken steht aber noch in der Tradition des Nachkriegsdeutschlands. In den Kriegsjahren mussten viele Glocken aus den Glockenstühlen ausgehängt und zu Kriegszwecken eingeschmolzen werden ("Hamburger Glockenfriedhof").

Im Nachkriegsdeutschland stand aus Materialmangel und auch aus Kostengründen nicht genügend Bronze zur Verfügung, um Glocken gießen zu können. Die neu aufblühende Stahlindustrie fertigte daher Glocken aus Gußstahl, die vielfach die im Krieg eingeschmolzenen Glocken ersetzen mussten und auch in Kirchenneubauten eingesetzt wurden. Die führende Gußfabrikation war der "Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation AG". Auch die vier Glocken unserer Gemeinde, die am 13. Dezember 1959 feierlich geweiht wurden, stammen vom Bochumer Verein. Sie hängen im ca. 2400 kg schweren gußeinsernen Glockenstuhl übereinander.

Das Besondere an den Glocken von St. Bernward

Durch die freundliche Unterstützung des Glockensachverständigen und Campanologen Sebastian Schritt aus Trier konnten neue Erkenntnisse über die Glocken gewonnen werden. So konnten die Gewichtsangaben präziser angegeben werden. Sie stammen aus dem Gußbuch des Bochumer Vereins. Heute befinden sich die Gußbücher im Historischen Archiv Krupp in Essen. Ferner konnten einige Details in der Tonanalyse durch eine neuere Prüfung präzisiert werden (siehe Tabelle der Tonanalyse).

Infolge der Mitarbeit vor allem des Glockensachverständigen Theo Fehn von der Pfälzischen Landeskirche entwickelte der Bochumer Verein seit Kriegsende mehrere neue Rippen. Nach der sog. Untermollsext-Rippe, die bereits 1949 entwickelt wurde, war die sog. Dur-Rippe ein neuer Durchbruch. Bei dieser Rippe liegt die Terz nicht, wie sonst üblich, eine Mollterz über dem Schlagton, sondern eben eine Durterz darüber. Diese Rippe war 1958 ausgereift. Die große Glocke in St. Bernhard wurde jedoch schon 1957 gegossen und stellt damit eines der frühesten Exemplare dieses neuen Rippentyps dar. Es handelt sich vermutlich um eine Versuchsglocke, deren Innenharmonie noch nicht ganz ausgereift (die Durterz ist 6/16-Halbton vertieft), jedoch so gut war, daß man sie an eine Kirchengemeinde verkaufen konnte. Die Glocken II und III sind in der sog. Rippe V 7e gegossen, der seit Mitte 1950 gebräuchlichen Oktavrippe des Bochumer Vereins. Glocke IV hingegen eine Untermollsextglocke, deren Unterton eine Mollsexte unter dem Schlagton, nicht aber eine Oktave tiefer liegt. Ihr Unterton deckt sich mit Schlagton und Prime von Glocke I. Damit ergibt sich die Tonreihe c°-e°-g°-c'-e'-g'-a' (Untertöne und Schlagtöne). Diese Kombination verschiedener Rippentypen geht auf Theo Fehn zurück, der als Glockensachverständiger in der Pfalz beste Beispiele auf die Türme brachte, genannt seien hier nur Albisheim an der Pfrimm; Dellfeld; Grünstadt und Mechtersheim. Die große Glocke in St. Bernhard kann daher als wertvolles Zeugnis in der Entwicklungsgeschichte der Gußstahlglocke betrachtet werden.


Glocken: Friedensverkünder


Die einzelnen Glocken in der Übersicht


Die größte Glocke

Glocke

Obere Inschrift:
König der Könige / Herr der Heerscharen
Untere Inschrift: Den Gefallenen der Weltkriege 1914-1918 und 1939- 1945 zum Gedächtnis
Schlagton: c'
Glockennummer: 6793
Durchmesser: 1715 mm
Gewicht: 2105 kg
Rippe: Dur-Oktav-Rippe (Gußjahr 1957!)



Glocken: Rufer zum gemeinsamen Gebet


Zweitgrößte Glocke

Glocke

Name: St. Maria
Obere Inschrift: ZU + UNS + KOMME + DEIN + REICH
Inschrift Flanke Rückseite: St. Maria
Schlagton: e'
Glockennummer: 6866
Durchmesser: 1350 mm
Gewicht: 917 kg
Rippe: V7e-Molloktavripp

Glocken

 

Drittgrößte Glocke

Glocke

Name: St. Bernward
Obere Inschrift: DIENET + DEM + HERRN + MIT + FREUDEN
Inschrift Flanke Rückseite: St. Bernward
Schlagton: g'
Glockennummer: 6838
Durchmesser: 1110 mm
Gewicht:

518 kg

 

Rippe: V7e-Molloktavrippe

 


Kleinste Glocke

Glocke

Name: St. Hedwig
Obere Inschrift: BETE + UND + ARBEITE
Inschrift Flanke Rückseite: St. Hedwig
Schlagton: a'
Glockennummer: 6790
Durchmesser: 1050 mm
Gewicht:

524 kg

Rippe:


Untermollsextrippe

 

 

Glocken

Glocken: Verkünder zum Lob Gottes


Tonanalyse der Glocken


Schlagton c' - 2/16 e' -3/16 g' - 1/16 a'
Prime c' - 2/16 e' - 3/16 g' -1/16 a'
Terz e' -8/16 g' -3/16 b' -1/16 c'' + 1/16
Quinte g' +/- 0 h' -5/16 d'' - 2/ 16 -
Oberoktav c'' - 2/16 e'' - 3/16 g'' - 1/16 a''
Unteroktav c - 5/16 e - 2/16 g - 1/16 c'
Nachhall



Unteroktav 50 Sek. 56 Sek. 52 Sek. 42 Sek.
Prime 15 Sek. 17 Sek. 14 Sek. 16 Sek.
Terz 15 Sek. 17 Sek. 14 Sek. 16 Sek.
Gewicht 2105 kg 917 kg 518 kg 524 kg
Durchmesser 1715 mm 1350 mm 1110 mm 1050 mm


Glocken: Verkünder von Freud und Leid


Mögliche (klanglich schöne) Läutemotive der Glocken

Klicken Sie auf das grüne Symbol und Sie hören die Glocke(n) klingen

Einzelgeläut


Glocke a' 
Glocke g'
Glocke e
Glocke c'

Zweifachgeläute e' und c'
g' und e'
a' und g'
Dreifachgeläute g' - e' - c' (C-Dur Dreiklang)
a' - g' - e' (Te Deum Motiv)
a' - e' - c'
Vollgeläute Alle Glocken läuten
(Salve Regina Motiv)




Glockenaufbau

Rippenformen

 

Abbildung links: Schematische Darstellung von 9 Glockenrippen vom frühen 12. bis 20. Jahrhunderts. Nach Rinckers Kleine Glockenkunde, 1979.

Abbildung rechts: Aufbau einer Glocke. Nach Kurt Kramers Glocken in Geschichte und Gegenwart, 1997.



Glocken

Glocke








 

 

 

Verfasser und Tonaufnahmen: Sebastian Wamsiedler